Verführung zur Gemütlichkeit

Wo Motorrad-Fahren zum Motorrad-Wandern wird: Werdenfelser Land, Ammergau, Starnberger See und Isarwinkel laden zum Verweilen und Genießen ein. Drei Touren ab Garmisch-Partenkirchen.
Quelle: ADAC Motorwelt 6/2010

BildDie Straße führt durch ein Waldstück. Es ist kühl, dunkel. Eine Rechtskurve, dann der magische Moment: Der Blick öffnet sich auf sanfte Hügel mit Wiesen, auf denen Wildblumen blühen, dahinter, zum Greifen nahe, die Voralpen, das Karwendel und die Zugspitze. An deren Fuß, eingebettet in ein weites Tal, liegt Garmisch-Partenkirchen. Dass der berühmte Wintersportort, u. a. Schauplatz der Vierschanzentournee, einst aus zwei Gemeinden bestand, ist bis heute spürbar: Den Garmischer Ortskern schmücken Gebirgshäuser mit weit hervorkragenden Schindeldächern. Partenkirchen inszeniert alte Bürgerhauspracht neben Dorfidyll. 1936 fanden in Garmisch-Partenkirchen die Olympischen Winterspiele statt. Jetzt hat sich die Stadt gemeinsam mit München für die Austragung 2018 beworben. Für uns ist Garmisch-Partenkirchen Ausgangsort für drei Motorradtouren, die Sie natürlich auch mit der ganzen Familie im Auto nachfahren können.


Tour 1: Im Land der Seen und sanften Hügel

  • Fahrzeit: 2 Stunden 50 Minuten
  • Strecke: 150 Kilometer


  • BildWir starten auf Nebensträßchen in nördlicher Richtung, die Loisach entlang, und entdecken den Reiz entspannten Cruisens. Machen kurz Pause, nehmen den Helm ab, lauschen Kuhglockengeläut und Hummelgesumm in Löwenzahn-Wiesen. Hoch über dem Kochelsee liegt das Freilichtmuseum Glentleiten. Es zeigt Oberbayern in einer Nussschale: Mehr als 60 verschiedene, originalgetreu eingerichtete Bauernhöfe vergangener Jahrhunderte gibt es zu sehen, Seiler, Hafner und Weber zeigen ihre Künste. Der Schmied von Kochel, Anführer des Bauernaufstands, steht gusseisern im Zentrum des gleichnamigen Ferienorts. In der Sendlinger Mordweihnacht fanden er und seine Mitstreiter 1705 den Tod. Unpatriotische Zungen behaupten, er sei eine reine Fantasiegestalt. Der Maler Franz Marc, Mitbegründer der Künstlergruppe Blauer Reiter, fand in Kochel seine Heimat. Ein Museum am nördlichen Ortsrand zeigt eine Sammlung von Grafiken und Gemälden.
    Über Bichl und Königsdorf geht es zum Südende des Starnberger Sees. Der Strand bei Seeshaupt macht Lust auf Baden. Weiter zum Staffelsee. Im Seerestaurant Alpenblick in Uffing gönnen wir uns ein alkoholfreies Weißbier. In Murnau bezogen 1909 die Maler Wassily Kandinsky und Gabriele Münter ein Walmdachhaus mit Seeblick – heute das Museum Münter-Haus mit Originalmobiliar und Gemälden. Letzter Stopp in Oberammergau, Stadt der Herrgottsschnitzer, Lüftlmaler und Geburtsort des Schriftstellers Ludwig Thoma. Und in diesem Jahr Tummelplatz für bärtige Männer: 2000 Oberammergauer wirken bei den berühmten Passionsspielen mit.


    Tour 2: Karwendel und Kesselbergstraße

  • Fahrzeit: 3 Stunden 45 Minuten
  • Strecke: 185 Kilometer


  • BildWie über die Wiesen gewürfelt wirken die vielen Heustadl aus dunklem Holz östlich von Garmisch. Bei Wallgau wird Maut fällig, ab hier folgt eine Privatstraße dem Kiesbett der noch jungen Isar. Drei Euro kostet’s bis Vorderriß, wo der Lausbubengeschichten-Erzähler Ludwig Thoma seine Kindheit verbrachte. Dort lohnt eine Rast mit Blick über die steilen Kalksteinflanken des Tals und bei einem Kaiserschmarrn im Biergarten vom Gasthaus Post im Schatten alter Kastanien. Von Vorderriß schlängelt sich weit nach Südosten und Tirol hinein ein schmales Teerband tief ins Karwendelgebirge, ab Hinterriß wieder mautpflichtig. Es folgt dem Rißtal und endet nach dem Großen Ahornboden in der Eng. Später geht’s vorbei am Sylvenstein-Stausee nach Bad Tölz. Die Marktstraße säumen Häuser mit Lüftlmalereien, Pilger zieht es auf den Kalvarienberg, das Kurhaus entwarf Gabriel von Seidl. Über das Barockkloster Benediktbeuern fahren wir ins Dörfchen Ort. Draußen vorm Jägerwirt gibt’s Schweinebraten mit Knödel und Blick auf Benediktenwand und Herzogstand. Ein Klassiker mit legendärem Ruf bei Bikern ist die Kesselbergstraße vom Kochelsee hoch und dann in weiten Schlaufen runter an den Walchensee. Herrlich zu fahren, aber an Wochenenden und Feiertagen für Motorradfahrer nur in entgegengesetzter Richtung frei, was den Genuss nicht schmälert.


    Tour 3: Stille Täler und steile Pässe

  • Fahrzeit: 3 Stunden 20 Minuten
  • Strecke: 185 Kilometer


  • BildGerahmt von Rappenkopf, Kofel und Laberberg, liegt die Benediktinerabtei Kloster Ettal mit eigener Likördestillerie, Brauerei, Hotel und Internat im Hochtal der Ammer. Im Graswangtal ließ König Ludwig II. aus dem Försterhäuschen seines Vaters Schloss Linderhof im goldschweren Dekor des französischen Rokoko erbauen. Türkis leuchtet das glasklare Wasser des Plansees in Tirol. Unzählige Traumkurven führen durchs Namlostal. Es wirkt so unberührt, als seien wir die ersten Biker, die sich hierher verirren. "Da habt’s Glück, des Hahntennjoch is oft lang g’sparrt", sagt der Wirt des Gasthauses Elmerhof in Elmen. Wir begeben uns auf eine Zeitreise: Hirten aus dem Engadin siedelten sich hier schon im 13. Jahrhundert an. Ihre Holzhäuser stehen noch. Eine geradezu mystische Gegend. Gezeichnet von Felseinschlägen und oft noch gerahmt von Schneewänden, schlängelt sich die Straße mit Steigungen bis zu 16 Prozent über die Baumgrenze hinaus. Die Passhöhe ist eher unspektakulär. Dann eine Steinwüste. Schilder warnen vor den "Murenstrichen." Die steilen Geröllfelder drohen die Straße zu verschlingen. Eine mächtige Natur, die demütig macht.
    Lieblicher, mit gut ausgebauten Kurven, zeigt sich der Fernpass. Ben aus Tel Aviv hat seine BMW vor dem Fernsteinsee abgestellt, um ein Handy-Foto zu machen. Er ist auf Europa-Urlaub, will weiter nach Barcelona. Motorradfahrer kommen überall schnell ins Gespräch. Zurück in Garmisch-Partenkirchen, genehmigen wir uns im urigen Gasthof Fraundorfer ein Weißbier. Zum Abschluss diesmal mit Alkohol.

    Anmerkung: Natürlich wäre auch eine Kombination aus diesen drei Toruen denkbar. Und dann - mit Anreise an einem Freitagabend - wir daraus eine schöne Wochenendtour.